Artenrettung im Keller

Artenrettung im Keller

 

Wie Professionelle und Hobbyisten Arten vorm Aussterben bewahren können. 

 

Unter den vielen bedrohten Arten auf der Erde aktuell sind Süßwasserfische die am meisten gefährdete Gruppe von Wirbeltieren.

Aquarianer haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, die am stärksten bedrohten Arten zu schützen, indem sie sie in großen Kelleraquarien am Leben erhalten, in der Hoffnung, dass sie eines Tages wieder in die Natur ausgewildert werden können. 

 

Im 3,5 Meter dicken Flakturm V-L in Wien befindet sich solch eine Sammlung gefährdeter Arten. Dahinter steckt Michael Köck, Kurator des Haus des Meeres, einem sogenannten Aqua Terra Zoo, der auf 5000 m2 Fläche über 11 Geschossebenen Süß- und Salzwasserfische, Vögel, Echsen, Insekten und einige Säugetierarten präsentiert. 

 

Entstanden ist das Projekt aus einer Not heraus. Michael Köck erzählt.

 

1998 steckte er in der Bredouille, da er, obwohl begeisterter Zierfischhalter, keine entsprechenden Fische für die Ausstellung seines Aquaristik Clubs hatte. 

Der Zufall wollte es, dass jemand in die Tierhandlung kam, in der er arbeitete, und ihm seltene Fische anbot. Köck schlug sofort zu und zeigte die Tiere auf der Show. Nach der Show blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zu behalten, obwohl er so gut wie nichts über sie wusste.  

 

"Die Fische" waren zwei Arten von Hochlandkärpflingen, eine wenig bekannte Familie von kleinen Lebendgebärenden, die mit dem gemeinen Guppy verwandt ist. Sie sind in Mexiko heimisch und erwiesen sich als äußerst pflegeleicht. 

 

Sie benötigten keine Heizgeräte und die Chemie des Wiener Leitungswassers schien zu ihnen zu passen. Sie gebären lebendige Jungtiere, so dass man keine Eier und keine winzigen Fische verhätscheln muss. Erst später erkannte Köck, dass es sich bei den Tieren um gefährdete Arten handelte. Er hatte unwissentlich den ersten Schritt unternommen, um ein wichtiger Akteur in einem globalen „Untergrund“ -Naturschutzprogramm zu werden. 

 

Süßwasserfische sind anfällig für zahlreiche Bedrohungen wie Umweltverschmutzung, Staudämme, Bergbau, invasive Arten und Klimakatastrophen. Trotzdem werden sie von großen Naturschutzgruppen und Geldgebern weitgehend ignoriert. Nicht wenige Arten verschwinden unbemerkt aufgrund fehlender Klassifizierung. 

 

Zum Glück haben sich weltweit Millionen von Hobbyfischzüchtern organisiert. Einige unterhalten Dutzende oder sogar Hunderte von Aquarien, oft aus Gewichts- und Platzgründen in ihren Kellern, und wissen mehr als akademische Experten über die von ihnen gehaltenen Tiere. Eine kleine, aber wachsende Zahl dieser Aquarianer hat ihr Hobby als eine Form des Naturschutzes neu definiert und sich selbst in internationalen Netzwerken mit kleinem Budget organisiert, um Wissen und Fische zu teilen - und um das Aussterben an der Heimatfront zu bekämpfen.

 

Michael Köck hat eines dieser Netzwerke gegründet, allerdings zunächst aus "egoistischen" Gründen, sagt er. Zwei Jahre nach dem Erwerb der beiden Hochlandkärpflings-, auch: Goodeiden-Arten, starb eine von ihnen aus. Er kontaktierte die Person, die sie ihm verkauft hatte, um mehr zu bekommen, aber diese Tiere waren ebenfalls ausgestorben. Ein weiterer Aquarianer, der die letzten Exemplare dieser Art gehalten hatte, hatte seine Kolonie einem Zoo zur Verfütterung an andere Fische gegeben, "weil niemand sie mochte“.

 

Ermutigt, solche Szenarien in Zukunft zu verhindern, machte sich Köck online auf die Suche nach anderen Aquarianern, die ähnliche Arten hielten oder nach ihnen auf der Suche waren. Er stellte jedoch fest, dass es keine Netzwerke gab, und die Personen sich untereinander nicht finden konnten. Nebenbei informierte er sich mehr über die mexikanischen Hochlandkärpflinge und fand heraus, dass viele Arten schnell verschwanden, meist, weil Landwirtschaft das Wasser aus ihren Lebensräumen verschlang. 

Fest entschlossen, diese Situation zu ändern, gründete Köck 2009 die Goodeid Working Group (GWG). Er erhoffte sich davon, dass durch ein Netzwerk an Hobbyisten die Zucht und Erhaltung von Arten gewährleistet sein würde. 

 

Und der Plan ging auf. Heute koordiniert die GWG um die 400 Hobbyisten und Institutionen, die jeweils eine oder mehrere Arten Hochlandkärpflinge halten. 

Mittlerweile konnten auch Professionelle, sprich: Zoos und öffentliche Aquarien mit ins Boot geholt werden, die auch wichtige internationale Verbindungen haben. 

Dieses ermöglicht eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der großen Masse von privaten Züchtern, die das Wissen, die Fähigkeiten, die Leidenschaft haben, die manchmal in einem Zoo fehlt. 

 

Die GWG unterhält mehrere in der Natur ausgestorbene Arten. Zum Beispiel wurde der Vielschuppige Grundkärpfling (Allodontichthys polylepis) erst 1988 wissenschaftlich beschrieben. Bis 2010 galt er in der freien Wildbahn als ausgestorben, und in Europa gab es nur noch acht Exemplare in Gefangenschaft in einem Hobbybecken in Holland. Köck brachte diese acht Exemplare in seinen Flakturm nach Wien und begann ein penibles Zuchtprogramm, um die genetische Vielfalt zu erhalten. Inzwischen gibt es etwa 350 Exemplare, die von verschiedenen GWG-Mitgliedern betreut werden. 

 

Gibt es auch Nachteile und Gefahren?

 

Wissenschaftler unterstützen diese Entwicklung, warnen jedoch auch vor gewissen Problematiken. Es ist z.B. fraglich, ob eine Wiederansiedelung in freier Wildbahn tatsächlich durchführbar ist, oder ob die in Gefangenschaft gezüchteten Individuen sich nicht in eine natürliche Umgebung eingliedern können. Eventuell hat sich der natürliche Lebensraum mittlerweile verändert, oder die über mehrere Generationen veränderten Nahrungsgewohnheiten sind irreversibel und die Tiere können sich in ihrem wilden Habitat nur schwer ernähren. 

 

Eine weitere Gefahr ist, dass Zuchtprogramme in Gefangenschaft den Menschen ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln, da sie denken, es sei nun nicht mehr schlimm, wenn ein Lebensraum zerstört wird, da die Arten ja in Aquarien gut leben und erhalten werden können.

 

Außerdem kann es natürlich passieren, dass manche Hobbyisten zu Sammlern werden, lediglich egoistische Motive haben, und im schlimmsten Fall die letzten wildlebenden Exemplare einer Art entnehmen. 

 

Trotz dieser berechtigten Skepsis wird auch von Experten die Zucht gefährdeter Arten in Gefangenschaft befürwortet, denn die „Alternative“ wäre das bewusste Aussterben lassen einer Art. 

 

 

Hier gibt es Informationen zu den Wiener Becken der „Goodeid Working Group“

 

 

https://www.haus-des-meeres.at/de/Unsere-Tiere/Forschung/Goodeiden.htm

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